Schloss Rheda

Die Romanische Doppelkapelle

Der Kapellenturm von Schloss Rheda, eines der “eigenwilligsten, aber auch hervorragendsten Bauwerke aus staufischer Zeit in Deutschland” (Leo Zellner), ist bis heute der historische Kernpunkt der Schlossanlage geblieben. Seine Einzigartigkeit beruht auf seiner bis in die Details durchdachten Baustruktur, die typologisch ohne Parallele ist: “Die meisterhafte Durchdringung von Festungsbau, Wohn- und Sakralraum ist in der staufischen Baukunst Deutschlands einmalig” (Dehio).

 

Der somit in seiner Bedeutung kaum zu überschätzende Torturm von Schloss Rheda mit seiner integrierten Kapelle, “einem der besten spätstaufischen Kapellenräume überhaupt” (Bernhard Schütz), zählt daher zu den bedeutendsten Zeugnissen spätromanischer Architektur in Westfalen.

Der Kapellenturm bildet nach wie vor das markante Wahrzeichen von Schloss Rheda im westfälischen Rheda-Wiedenbrück – noch heute Residenz der Fürsten zu Bentheim-Tecklenburg. Die Anlage gehört zu den frühen münsterländischen Wasserburgen, ihren Ursprung bildet eine wohl im 12. Jahrhundert angelegte Erdhügelburg. Von der mittelalterlichen Burganlage haben sich jedoch nur noch der Kapellenturm (um 1215/20-1275) und der sogenannte Bibliotheksturm (13. – 15. Jh.) erhalten, die übrige Bausubstanz des Hochschlosses stammt aus dem 17. und 18. Jahrhundert.

 

Zur Geschichte der Schlosskapelle

Als Begründer von Burg Rheda gelten die Edelherren von Rheda. Ihr letzter Vertreter, Widukind, starb auf dem dritten Kreuzzug 1190/91 vor Akkon und vererbte die Herrschaft Rheda seinem alten Waffengefährten Edelherr Bernhard II. zur Lippe (um 1140 – 1224). Er verlegte die Hauptresidenz der Edelherren zur Lippe von Lippstadt, das er bei einer älteren Burg um 1185 als Gründungsstadt anlegen ließ, nach Rheda, übergab jedoch bald darauf – um 1196/97 – die Regierungsgeschäfte an seinen Sohn Hermann II. und zog sich in das von ihm, Widukind von Rheda und weiteren Adeligen begründete Zisterzienserkloster Marienfeld zurück. Doch bald schon übernahm er neue Aufgaben, vor allem bei der Missionierung Livlands. So wurde er 1211 zum Abt des Zisterzienserklosters Dünamünde bei Riga gewählt und erhielt schließlich noch 1218 die Würde eines Bischofs des neugegründeten Bistums Selonien-Selburg. Durch seinen weitreichenden Einfluss und seine geschickte Politik konnte das Geschlecht der Edelherren zur Lippe innerhalb einer Generation unter die führenden Familien des Reiches aufsteigen: Fast alle seiner zwölf aus der Ehe mit der rheinischen Grafentochter Heilwig von Are-Hochstaden entstammenden Kinder konnten binnen weniger Jahre zentrale kirchliche Positionen im Nordwesten des Reiches besetzen: 1215 wurde der Sohn Otto zum Bischof von Utrecht gewählt, sein Bruder Dietrich war bereits Propst im benachbarten Deventer. Der Sohn Gerhard errang 1219 das erzbischöfliche Pallium von Bremen. Der dritte Sohn, Bernhard, zunächst Propst von Emmerich, erhielt schließlich 1228 die Bischofswürde des ‘Hausbistums’ Paderborn. Die unverheirateten Töchter wurden Äbtissinnen der zum Teil reichsunmittelbaren Damenstifte in Herford, Freckenhorst, Bassum und Hochelten. Der älteste Sohn Hermann II., der das weltliche Erbe der Lipper antrat, war aller Wahrscheinlichkeit nach sogar Prätendent für einen neu zu schaffenden livländischen Königsthron (Hucker 1989). Ihm ist auch der großartige, repräsentative Ausbau der Burganlage in Rheda zu verdanken, wovon noch heute der bedeutende Kapellenturm zeugt.

 

Mit dem frühzeitigen Tod Hermanns II. in einer für seinen Bruder Gerhard geführten Fehde 1229, dem der Tod Bernhards II. 1224 sowie der Brüder Otto und Dietrich 1227 vorausgegangen war, endete weitgehend der überregionale, reichspolitische Einfluss des Hauses Lippe, das sich nun hauptsächlich auf die westfälische Sphäre konzentrierte. So konnte immerhin 1247 Otto II. zur Lippe zum Bischof von Münster aufsteigen, Simon zur Lippe folgte im selben Jahr seinem Onkel Bernhard auf den Paderborner Bischofsstuhl. Der Bruder Simons, Bernhard III., führte die Regierungsgeschäfte und begonnene Baumaßnahmen seines Vaters Hermann II. fort.

Die Einschränkung des Machbereiches der Lipper fand seine Fortsetzung im 14. Jahrhundert: Die lippische Herschaft Rheda fiel 1365 durch Erbgang an die Grafen von Tecklenburg, die die Burg als Nebenresidenz nutzten. Die von ihnen vor 1531 in Rheda eingeführte lutherischen Lehre musste jedoch schon bald dem calvinistischen Bekenntnis weichen, da die seit 1557 regierende Erbtochter Anna von Tecklenburg mit dem reformierten Grafen Everwin III. von Bentheim verheiratet war. Unmittelbar im Zusammenhang mit dem Konfessionswechsel stehen Renovierungs- und Umbaumaßnahmen an der Kapelle und dem gesamten Kapellenturm, die für die Jahre 1601-1605 unter dem Sohn und Nachfolger Graf Arnold IV. zu Bentheim-Tecklenburg (1554 -1606) überliefert sind.

 

Die im 17. und 18. Jahrhundert regierenden Familienmitglieder führten umfangreiche Baumaßnahmen durch, die das heutige Erscheinungsbild der Schlossanlage weitgehend prägen, hier jedoch nicht weiter von Belang sind. Das seit 1817 in den preußischen Fürstenstand erhobene, noch heute auf Schloss Rheda residierende Haus Bentheim-Tecklenburg widmet sich nach wie vor engagiert und veranwortungsbewußt der Erhaltung des überkommenen historischen Erbes. So wurden unter anderem 1963 – 65 umfangreiche Restaurierungsmaßnahmen am Kapellenturm durchgeführt, bei denen der bauliche Zustand der Kapelle konsolidiert und störende Einbauten des 19. Jahrhunderts wieder entfernt wurden.

Zur Besonderheit der romanischen Architektur in Rheda

Beim Herannahen erscheint der Rhedaer Kapellenturm auf den ersten Blick in seiner Außenerscheinung als wuchtiger, weitgehend ungegliederter Bau aus Bruchstein; in der Hofansicht überrascht dann bereits die Verwendung von fein gefügtem Backsteinmauerwerk. Vollends stutzig wird man bei der Betrachtung des an dieser Seite leicht vortretenden Erkers, dessen sechsteilige Rosette mit ihrem Gegenstück, dem Vierpass in der Westfront, überhaupt nicht in die typologischen Bauformen von Wehrbauten passt und somit bereits auf die sakrale Funktion des dahinterliegenden Raumes hinweist. Nun neugierig geworden, ist man völlig erstaunt, hinter diesen unscheinbaren, schlichten Außenfassaden einen höchst aufwendig gestalteten, trotz seiner bescheidenen Ausmaße ungeheuer monumental wirkenden Kapellenraum vorzufinden. Dieser erhebt sich über der tonnengewölbten Tordurchfahrt, die durch vier Abseiten erweitert wird. Die ehemals dem Soldatenheiligen Romanus geweihte Burgkapelle nimmt die beiden mittleren Etagen des viergeschossigen Turmes ein. Ihr unteres Geschoss wird durch einen im Norden, Osten und Süden herumlaufenden Gang eingeengt, der sich im Nordwesten zu einer kleinen Vorhalle vor dem inneren Kapellenportal erweitert. Das durch Dreiersäulenbündel ausgezeichnete Portal gewährt den ursprünglich einzigen Zugang zum Kapelleninneren (Die Öffnungen im Osten und Süden zum Umgang wurden erst später eingebrochen). Der Raum selbst wird durch zwei mittige Bündelpfeiler in zwei annähernd quadratische, kreuzrippengewölbte Joche unterteilt. An der Westseite ist anstelle des Umgangs eine doppelläufige Treppe hinter einer Dreibogenstellung angeordnet, deren schlanke Schiefersäulen auf Löwenpostamenten ruhen. Die Treppe selbst gewährt Zugang zu den tonnengewölbten Emporen oberhalb der seitlichen Umgänge. Sie enden im Osten in Apsisnischen, die die zentrale Altarnische über dem östlichen Umgang flankieren. Diese wird ausgezeichnet durch aufwendig skulptierte Dreiersäulenbündel und das große sechsteilige Rosettenfenster, dem der Vierpass hinter der westlichen Dreibogenstaffel antwortet. Eine weitere Altarstelle befand sich ehemals im Erdgeschoss vor der heute durchbrochenen Trennwand zum östlichen Umgang, in etwa dem heutigen Abendmahlstisch entsprechend. Nach Norden öffnet sich das Ostjoch des Erdgeschosses zu einem zweijochigen Raum, der sogenannten “Sakristei”. Ihr entspricht im Süden eine in der Wandstärke verlaufende Treppe, die in diesem Bereich einen Zugang zum Obergeschoss der Kapelle herstellte. Im Fußboden des Westjoches ermöglicht eine ca. 1 m x 1 m große Öffnung eine Verbindung zur darunterliegenden Tordurchfahrt. Der genannte Vorraum des Kapellenportals erschließt zugleich auch den Zugang zur Wendeltreppe in der Nordwestecke des Turmes, die – an der Kapelle vorbei – unmittelbar in das vierte Turmgeschoss führt. Dieses wird durch zwei an den Ecken abgestufte Freipfeiler geprägt. Die originäre Abortanlage in der Südwestecke und die Reste eines Kamins an der Ostwand deuten dabei auf eine Nutzung als Wohngeschoss.

Die Schlosskapelle und die Klosterkirche Marienfeld

Die in der westfälischen Kunstlandschaft ungewöhnliche und dazu sehr frühe ‘Mischverwendung’ von Werkstein für die Bauglieder und Bruchstein für die Feldseiten des Torturmes sowie Backstein für die Kernsubstanz der Wände, Gewölbe und die geschützte Hofseite des Turmes verbinden diesen unmittelbar – über den rein stilistischen Befund hinausgehend – mit der Kirche des nahegelegenen Zisterzienserklosters Marienfeld, das 1185 von Bernhard II. zur Lippe mitbegründet und dessen Kirche 1222 von ihm geweiht wurde. Das bisher in der Forschung immer vertretene zeitliche Nacheinander der beiden Bauten wird sich durch eingehendere Forschungen des Verfassers möglicherweise zu einem zeitweisen Nebeneinander verschieben, da ein Baubeginn in Rheda schon einige Jahre vor der Abschlußweihe in Marienfeld 1222 anzunehmen ist. Ein Indiz dafür bilden dendrochrologisch in die Zeit um 1233 (1233 ± 6) datierte Fragmente von Fensterrahmen, die auf eine Fertigstellung der Kapelle zu diesem Zeitpunkt hindeuten und beim Umfang des ausgeführten Bauvorhabens einen Baubeginn bereits um 1200/15 wahrscheinlich machen. Für das Sitzbrett der Abortanlage im Wohngeschoss konnte zudem das Datum 1273/74 ermittelt werden, was zusammen mit dem dort zu beobachtenden Steinwechsel für eine Ausführung dieses Geschosses – nach einer Bauunterbrechung – erst in den 1270er Jahren spricht.

 

Die Sakral-, Wehr-, und Wohnnutzung

Die raffinierte und in dieser Form einmalige Durchdringung von Wehrbau, Wohn- und Sakralraum im Rhedaer Kapellenturm verlangt eine eingehende Analyse der einzelnen Funktionsbereiche. Ist für die Tordurchfahrt die Wehrfunktion und beim vierten Turmgeschoss die profane Wohnnutzung durch den schon von Anbeginn an eingeplanten Abortschacht und die Kaminanlage (die in ihrer heutigen Form erst aus der Zeit des Umbaues von 1601-05 stammt, jedoch vermutlich bereits einen Vorgänger des 13. Jh.s hatte) offensichtlich, so findet im Bereich der Kapellengeschosse eine Durchdringung von Sakral- und Wehrfunktion statt: Der die Kapelle dreiseitig umlaufende Umgang im ersten Obergeschoss diente wohl der Umgehung des Sakralraumes durch die Burgbesatzung, die vom östlichen Umgangsflügel aus das Fallgatter des östlichen Tores des darunter liegenden Durchfahrtsgeschosses bedienen konnte , während dasjenige des westlichen Tores nur von der Kapelle aus – genauer vom Treppenpodest der Doppeltreppe hinter der Dreierarkade – zu betätigen war. Als Deutung für die Öffnung im Boden des Westjoches der Kapelle kommen sogar zwei Funktionen in Betracht: Zum einen die des Hinabgießens von Pech auf Angreifer, die bereits die Tordurchfahrt erobert haben, zum anderen die der Ausweitung des Sakralraumes bei bestimmten Anlässen in die Toreinfahrt hinein, so dass dort stehende Gläubige die Liturgie in der Kapelle zumindest akustisch mitverfolgen konnten.

 

Die Bauplastik

Der Kapellenraum selbst ist als Gottesdienstraum des Burgherrn klar definiert, die beiden zentralen Altarnischen im Erd- und Obergeschoss – jeweils ausgestattet mit seitlichen Ausgussnischen, die in Zusammenhang stehen mit der Handwaschung des Priesters – deuten auf zwei heute (infolge der calvinistischen Umgestaltung) nicht mehr erhaltenen Altarstellen, von denen eine dem Kapellenpatron Romanus geweiht war. Zwei weitere Altäre werden sich darüber hinaus in den östlichen Apsisnischen der seitlichen Emporen befunden haben. Um die liturgisch wichtigen Orte im Ostjoch besonders hervorzuheben, wurden diese noch zusätzlich betont durch die auf nur wenige, zentrale Stellen konzentrierte Bauplastik und den ihr eigenen ikonographischen Bedeutungsgehalt, etwa die Dreiersäulenbündel auf liegenden Trägerfiguren an der oberen Altarnische, deren Kapitelle Drachensäugerinnen aufweisen, während die ansonsten identischen Säulenbündel am Portal – der Grenze zwischen profaner und sakraler Sphäre – als Kapitellzier von Drachen niedergedrückten Köpfe zeigen. Der Betonung des Ostjoches dient zudem die figürlich gestaltete Bauplastik zu seiten des Schlusssteins, bestehend aus zwei Engeln und zwei Adlern, denen die rein pflanzlich gestalteten Rosen- und Lilienmotive im Scheitel des Westjochs entsprechen. Dort setzen die eher dem weltlichen Bereich zugehörigen Löwenskulpturen – sonst nur an Portalen üblich – in ihrer Positionierung am repräsentativen Aufgang zu den Emporen einen weiteren, neuartigen Akzent. Trotz ihrer scheinbaren Isoliertheit sprechen die aufgeführten Einzelmotive für ein bewusst auf den Raum abgestimmtes, in seinem tieferen Bedeutungsgehalt noch zu erforschendes Gesamtprogramm.

 

Der Herrschersitz

Die hier angeführte aufwendige Instrumentalisierung der Bauplastik, die in der monumentalen Gestaltung der Bauformen ihren Widerhall findet, führt zu einem höchst aufwendigen, an Großbauten orientierten Gesamtcharakter des Kapellenraumes und dient offensichtlich dem Zweck profaner Repräsentation im Sakralraum. In unmittelbarem Zusammenhang damit steht die in der Forschung kontrovers diskutierte und bisher nicht abschließend geklärte Frage nach der genauen Position für den Sitz des Burgherrn, da in Rheda der Platz einer sonst häufiger zu findenden westlichen “Herrscherempore” (wie etwa bei der Burgkapelle der Nürnberger Burg, um 1180-1200) durch die Dreierarkade und die dahinter angeordnete doppelläufige Treppe eingenommen wird. Als Sitz des Burgherrn wurde daher die Empore über der sogenannten “Sakristei”, aber auch das mittlere Podest der doppelläufigen Treppe und sogar die obere Altarnische vorgeschlagen – demnach eine nicht nur für Rheda, sondern für die gesamte staufische Herrschaftsarchitektur brisante Fragestellung nach dem Selbstverständnis des ‘Herrschers’ in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts.

Der architekturhistorische Einfluß der Schlosskapelle Rheda

Neben den oben genannten bautechnischen Befunden verbinden insbesondere auch die Bauformen, vor allem die Detailausbildungen der Bündelfeiler, der Rippengewölbe und der Rosettenfenster die Rhedaer Burgkapelle stilistisch aufs engste mit der Klosterkirche in Marienfeld (1185-1222), die zusammen mit der ebenfalls von Bernhard II. zur Lippe gegründeten und geweihten Großen Marienkirche in Lippstadt (um 1200- 1250) zu den Prägebauten der westfälischen Architektur des 13. Jahrhunderts zählt. An diese beiden “Schöpfungswerke” schließt sich eine stilistisch präzise zu bestimmende Gruppe hochrangiger Bauten an, die unter maßgeblichem Einfluss von Mitgliedern des Hauses Lippe, allesamt Kinder und Enkel Bernhards II., errichtet wurden: Dazu zählen die unter Hermann II. und Bernhard III. erbaute Nikolaikirche in Lemgo (um 1215-1250), die von Äbtissin Gertrud zur Lippe begonnene Münsterkirche in Herford (um 1220/30-1260), der von den Bischöfen Bernhard und Simon zur Lippe errichtete Paderborner Dom (um 1220-1280), die von Äbtissin Ethelind begonnene Stiftskirche in Bassum (um 1220-60), die auf Geheiß Erzbischof Gerhards gewölbten Seitenschiffe des Bremer Domes (um 1230) und die Liebfrauenkirche (um 1230-40) ebenda sowie die ebenfalls von ihm gestiftete Ägidiuskirche in Berne (um 1250). Vergleiche von Bauformen und Kapitellplastik lassen darüber hinaus eine Ausstrahlung der an diesen Bauten fassbaren lippischen Bauhandwerker bis zum Dom in Riga, der Marienkirche in Visby auf Gotland, zur Klosterkirche in Varnhem und zu den ältesten Teilen des Domes in Linköping in Schweden erkennen. Seit den erstmals auf diesen Zusammenhang aufmerksam machenden Forschungen von Hans Thümmler ist diesen Verbindungen jedoch kaum noch nachgegangen worden.

 

Die auffällige, über Marienfeld – den führenden Bau dieser Zeit in Westfalen – noch weit hinausgehende Rezeption zeitgenössischer rheinischer Bauformen lässt eindeutige Rückschlüsse auf das Anspruchsniveau des Bauherrn Hermann II. zur Lippe zu: So orientiert sich die zweischalig angelegte westliche Arkadenstaffel an vergleichbaren Lösungen an zahlreichen rheinisch-maasländischen Bauten, die Ausbildung der Bündelfeiler und ihre Kapitellzone weist klare Beziehungen zu den Langhauspfeilern von St. Andreas in Köln auf. Noch darüber hinaus gehen die Dreiersäulenbündel am Portal und der oberen Altarnische, deren Material (Schiefer und feiner Kalkstein) wie auch die Qualität der Kapitellplastik für einen Direktimport aus dem Rheinland sprechen, wohin Hermann II. ja enge verwandtschaftliche Beziehungen besaß.

Durch das Rezipieren, ja sogar den direkten Import führender rheinischer Bauformen wird im stimmigen Zusammenspiel mit der Ikonographie der Bauplastik und der bis ins Detail durchdachten, innovativen Architekturplanung die Gesamtkonzeption der Rhedaer Burgkapelle und des sie umschließenden Kapellenturmes auf höchstes Niveau gehoben, das zunächst als Mittel der Selbstdarstellung bei einem einfachen Edelherrn verwundern mag. Hermann II. zur Lippe und seine Familie waren jedoch in die führenden Kreise des Reiches aufgestiegen, er selbst war wahrscheinlich sogar Anwärter auf den livländischen Königsthron, dessen Besteigung sein frühzeitiger Tod jedoch verhinderte.

 

Dieser reichspolitische Hintergrund mag die einzigartige Baukonzeption des Rhedaer Kapellenturmes erklären, die ihn zu den spannendsten und faszinierendsten Zeugnissen der staufischen Epoche in Deutschland macht und der daher im vorgestellten Dissertationsvorhaben exemplarisch für die Zeit in seinen vielschichtigen Bedeutungsebenen untersucht werden soll.
Bibliographie (in Auswahl)

 

– Hans-Joachim Böckenholt: Schloß und Herschaft Rheda (Historische Kurzmonographien westfälischer Schlösser Bd.1), Harsewinkel 1979

– Horst Conrad: Bemerkungen zur Baugeschichte des Schlosses Rheda. In: Westfälische Zeitschrift, Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde 139, 1989, S. 239-273

– Dehio Nordrhein-Westfalen, Bd. 2, Westfalen (Bearb. von Dorothea Kluge und Wilfried Hansmann), München/Berlin 1969, S. 478-82

– Bernd Ulrich Hucker: Liv- und estländische Königspläne? In: Studien über die Anfänge der Mission in Livland (Vorträge und Forschungen, Sonderband 37), Sigmaringen 1989, S. 65-106

– Hermann Maué: Rheinisch-staufische Bauformen und Bauornamentik in der Architektur Westfalens (Diss. Münster 1975, 7. Veröffentlichung der Abteilung Architektur des Kunsthistorischen Instituts der Universität Köln), Köln 1975, S. 101-108

– Franz Mühlen: Schloß und Kapellenturm zu Rheda, Beobachtungen bei den Restaurierungsarbeiten. In: Westfalen 46, 1968, S. 62-76

– Franz Mühlen: Schloß und Residenz Rheda (Westfälische Kunststätten H. 6), Münster 1979

– Heinrich Schmidt: Hermann II. zur Lippe und seine geistlichen Brüder, Zum Verhältnis von adeligem Selbstverständnis und norddeutscher Bauernfreiheit im 13. Jahrhundert. In: Westfälische Zeitschrift, Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde 140, 1990, S. 209-232

– Oskar Schürer: Romanische Doppelkapellen, Eine typengeschichtliche Untersuchung. In: Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft 5, 1929, S. 99-192

– Bernhard Schütz, Wolfgang Müller: Deutsche Romanik, Die Kirchenbauten der Kaiser, Bischöfe und Klöster, Freiburg/Basel/Wien 1989, S. 549

– Beat Sigrist, Dirk Strohmann: Baugeschichtliche Befunde bei der Außenrestaurierung der ehemaligen Zisterzienserklosterkirche Marienfeld unter besonderer Berücksichtigung der Mauerwerksoberflächenbehandlung durch Putz und Farbe. In: Westfalen 72, 1994, S. 210-250

– Ulrich Stevens: Burgkapellen im deutschen Sprachraum (Diss. Köln 1978, 14. Veröffentlichung der Abteilung Architektur des Kunsthistorischen Instituts der Universität Köln), Köln 1978, S. 176-189

– Hans Thümmler: Die Bedeutung der Edelherren zur Lippe für die Ausbreitung der westfälischen Baukunst im 13. Jahrhundert . In: Westfalen – Hanse- Ostseeraum (Veröffentlichungen des Provinzialinstituts für Westfälische Landes- und Volkskunde Heft 7), Münster 1955, S. 161-169